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Christliches zu Minaretten

Das Minarett von Wangen bei Olten - Christliches zu Miaretten
Das Minarett von Wangen bei Olten

Viele christliche Verbände sind gegen die Minarett-Initiative

Die Liste der kirchlichen Gruppierungen, die sich gegen die Minarett-Initiative aussprechen, ist beachtlich. Der Schweizerische Evangelischen Kirchenbund (SEK), der Verband evangelischer Freikirchen und Gemeinden in der Schweiz (VFG), die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA), die römisch-katholische Bischofskonferenz, die Christkatholische Kirche in der Schweiz, der Bund Schweizer Baptistengemeinden, die Heilsarmee, der Bund Evangelisch-lutherischer Kirchen in der Schweiz und im Fürstentum Lichtenstein, die Orthodoxe Diözese der Schweiz des ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, die serbisch-orthodoxen Kirche der Schweiz, die Anglikanischen Kirche in der Schweiz sowie die Freikirche der Siebenten-Tag-Adventisten halten die Initiative für untauglich.

Die Argumente sind vielfältig und können in den jeweiligen Verlautbarungen nachgelesen werden. Die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) in der Schweiz hat bisher nicht offiziell zur Minarett-Initiative Stellung bezogen. Doch sie ist in den ersten drei der oben erwähnten Organisationen vertreten und trägt so indirekt die ablehnende Haltung dieser Verbände mit.

 

 

Grundlegende Texte der EMK unterstützen diese Haltung. So heisst es in den Sozialen Grundsätzen der weltweiten Kirche: "In der Geschichte der Zivilisation sind Menschen anderen Glaubens oft verfolgt worden. Wir fordern Maßnahmen und Regelungen, die das Recht aller religiösen Gruppen sichert, ihren Glauben frei von gesetzlichen, politischen oder wirtschaftlichen Einschränkungen auszuüben. Wir verurteilen jede offene oder verdeckte Form religiöser Intoleranz, vor allem ihre Verbreitung durch die Medien. Wir unterstreichen das Recht aller Religionen und ihrer Anhänger auf Schutz vor gesetzlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung." (III. Die soziale Gemeinschaft – B Rechte religiöser Minderheiten – nach einer noch inoffiziellen Übersetzung der Sozialen Grundsätze 2008). Dahinter steht die geschichtliche Erfahrung eigener Diskriminierung. So war es für die frühen Methodisten in Europa oft sehr schwierig, Kapellen mit Glockengeläut zu bauen. Lange Zeit blieben Glockentürme den Staatskirchen vorbehalten. Aufgrund obrigkeitlicher Verfügung durften in manchen Ländern freikirchliche Kapellen (ähnlich den Synagogen) nur als Hinterhofbebauung errichtet werden. Ähnlichkeiten bei den Standorten von Moscheen und ihrem Erscheinungsbild drängen sich auf. Heute findet man die meisten Moscheen in alten Gewerbe- und Industriegebäuden, auch in ehemaligen Wohnhäusern, eben im Hinterhof der Schweiz.

Was will die Minarett-Initiative

Kann man die Minarett-Initiative aus christlicher Sicht überhaupt unterstützen?

Am 8. Juli 2008 reichte das sogenannte Egerkinger Komitee, bestehend aus 14 Personen der SVP und 2 Personen der EDU, die Initiative ein. Sie will Artikel 72 der Bundesverfassung wie folgt ergänzen: "Der Bau von Minaretten ist verboten." Die Initiantinnen und Initianten wollen den Bau von Minaretten in der Schweiz verbieten, da diese Bauten ihrer Ansicht nach Symbole eines religiös-politischen Machtanspruchs sind, welcher die Bundesverfassung und die schweizerische Rechtsordnung in Frage stellt. Ihre Begründung: "Das Minarett als Bauwerk hat keinen religiösen Charakter. Es wird weder im Koran noch in andern heiligen Schriften des Islam auch nur erwähnt. Das Minarett ist vielmehr Symbol jenes religiös-politischen Macht- und Herrschaftsanspruches, der im Namen behaupteter Religionsfreiheit Grundrechte anderer – insbesondere die Gleichheit aller vor dem Gesetz – bestreitet, womit dieser Anspruch in Widerspruch steht zu Verfassung und Rechtsordnung der Schweiz".

Die Minarett-Initiative ist keine christliche Antwort auf religiöse Intoleranz

Wer hinter Minaretten einen Herrschaftsanspruch ausmacht, fürchtet um den eigenen Herrschaftsverlust. Der wird ja durchaus auch symbolisiert durch Kirchtürme. Und nicht selten wetteifern Kreuz und Hahn zuoberst darum, höher und einflussreicher zu sein als das Symbol der anderen Konfession. Sowenig wie im Islam die Minarette in den heiligen Schriften zu finden sind, sowenig findet man die Kirchtürme in der Heiligen Schrift der Christen. Aber es sind religiöse Symbole, und sie haben viel damit zu tun, dass wir uns in dieser Welt und im eigenen Glauben zu Hause fühlen können. Das ist denn auch ein starkes Argument gegen das Verbot von Minaretten. Die christlich begründete Menschlichkeit, die auch anderen Religionsgemeinschaften in der Fremde die Möglichkeit einräumt, ein Stück Behausung (im wahrsten Sinn des Wortes) im eigenen Glauben zu finden.
Daran leiden wir Christen ja an vielen Orten – durchaus nicht selten gerade in islamischen Ländern –, dass uns diese sichtbare, Kirchturm bewehrte Freiheit der Glaubensausübung verboten wird. Es mag politisch nahe liegen, auf religiöse Einschränkung mit religiöser Einschränkung zu reagieren. Dann heisst es: Solange wir in manchen islamischen Staaten den christlichen Glauben nicht sichtbar und im Schatten der Kirchtürme leben dürfen, solange sollen auch islamischen Gläubigen hier keine Minarette zugestanden werden. Diese Haltung ist aber in keiner Weise auch nur ansatzweise christlich. Christlich sein bedeutet doch, sich an Jesus Christus zu orientieren und das unabhängig davon, ob das ins realpolitische oder religiöse Kalkül dieser Welt passt. Es gibt von Jesus Christus her durchaus Christliches zu Minaretten zu sagen und zu leben. Gerade, weil wir in der Schweiz uns als (noch) christliche Nation verstehen, gilt es ganz besonders darauf zu achten, was Jesus Christus uns rät. Eine der Grundlagen christlicher Botschaft sind seine Worte in der Bergpredigt, mit der er uns so etwas wie eine goldene Regel in die Hand gibt. Jesus: "Also: Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7,12)

 

Das Gute tun!

Der Vergleichspunkt ist wichtig. Massstab unseres Handelns soll nicht das Verhalten der Anderen sein, sondern die Art und Weise, wie wir für uns wünschen, dass die Anderen handeln. Also nicht: "Wenn ich keine Kirchtürme bauen kann in deinem Land, darfst du auch keine Minarette bauen in meinem Land", sondern: "Weil ich möchte, dass man in deinem Land Kirchtürme bauen kann, darum darfst du in meinem Land natürlich Minarette bauen." Ein christliches Volk verliert seine christliche Ausrichtung, wenn es vom jesuanischen Prinzip abweicht. Eine Politik, die Diskriminierung mit Diskriminierung beantwortet, nimmt die Haltung des Gegners an, und verleugnet die eigenen Werte. Wir verlieren unseren christlichen Glauben dann, wenn wir die nichtchristlichen, intoleranten Mittel der anderen übernehmen. Die Initianten der Minarett-Verbotsinitiative mögen zwar christliche Werte verteidigen wollen, aber eigentlich haben sie mit dieser Initiative genau diese christlichen Werte schon verlassen.
Aus unserer Sicht gibt es nur eine christliche Antwort auf Minarette. Oder um es mit einem der bedeutendsten Nachfolgern von Jesus Christus, mit Paulus, zu sagen: "Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute." (Römer 12,20-21)
Wir halten den Islam nicht für böse. Wir sehen die Menschen, die voller Sehnsucht nach Gott suchen. Unter ihnen gibt es wie unter Christen Intoleranz und Unterdrückung, falsche Machtansprüche und Machtmissbrauch. Dagegen möchten wir betont christlich leben. Wir möchten das Gute tun, und wir laden dazu ein, auch das Christliche und Gute zu tun und die Minarett-Verbotsinitiative abzulehnen.


Jörg Niederer, Ausschuss Kirche und Gesellschaft

Texte zum Islam

Die EMK hat sich verschiedentlich mit dem Islam beschäftigt. Texte dazu finden Sie hier...

Webseite der Initianten

United Methodist Church